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1.2 Was ist Transsexualität?
Eine transsexuelle Person empfindet ihr selbst empfundenes Geschlecht im Widerspruch zu ihrem biolo-
gischen Geschlecht. Sie fühlt sich im «falschen Körper» gefangen und leidet darunter, ihre personale Ge-
schlechtsidentität nicht entfalten zu können und statt dessen eine als fremd empfundene Rolle spielen zu
müssen. Kurz kann man Transsexualität als prinzipiell unauflösbaren Widerspruch zwischen der biologi-
schen und der personalen Geschlechtsidentität definieren. Damit ist noch nichts über das Verhalten der
Person gesagt: Ein Mann kann sich sehr wohl auf eine als eher weiblich bezeichnete Art verhalten, ohne
deswegen eine Frau sein zu wollen. Umgekehrt kann sich eine transsexuelle Frau in sozialen Beziehun-
gen bewusst oder unbewusst stark männlich geben, weil sie glaubt, nur so von ihren Mitmenschen ak-
zeptiert zu werden, weil sie zu einem Mann erzogen wurde oder weil ihr Körper von einem männlichen
Hormonmix gesteuert wird. Manchmal wird anstatt Transsexualität auch der Begriff «Transidentität»
(siehe dazu Alter 1999: 11) verwendet. Ich persönlich finde Transidentität einleuchtender, weil es sich
um eine aussergewöhnliche Konstellation der Geschlechtsidentität handelt und nicht um eine abwei-
chende sexuelle Präferenz, wie der Begriff «Transsexualität» durch seine Nähe zu Homo- und Heterose-
xualität suggerieren mag. Ich werde trotzdem den geläufigeren Begriff «Transsexualität» verwenden.
Über die sexuelle Ausrichtung einer transsexuellen Person ist übrigens auch noch nichts gesagt: alle
Möglichkeiten sind offen und kommen in der Realität auch vor2.
Es ist sinnvoll, verschiedene Phasen oder Ausdrucksweisen von Transsexualität zu unter-
scheiden: Die meisten Transsexuellen passen sich in der Kindheit dem Verhalten der anderen Personen
mit dem gleichen biologischen Geschlecht an. Das latente Gefühl, eigentlich dem anderen Geschlecht
anzugehören, wird unterdrückt. Ich spreche in dem Fall von verborgenem Transsexualismus. Mit der Zeit
merkt eine transsexuelle Person, dass irgend etwas nicht stimmt. Sie beginnt mit Attributen und Verhal-
tensweisen des Gegengeschlechts zu spielen oder verbannt diese umso stärker aus dem eigenen Leben,
um ein «richtiger Mann» bzw. eine «richtige Frau» zu sein. Das Erwachen setzt ein. Weil die entdeckten
Gefühle nicht mit dem übereinstimmen, was für normal gehalten wird, lösen sie oft Scham und Schuld-
gefühle aus. Die transsexuelle Person spricht nicht darüber und versteckt alles was darauf hindeutet
weshalb ich hier von heimlichem Transsexualismus spreche. Doch oft wird irgendwann der Leidensdruck
für die betroffene Person so gross, dass sie sich nicht mehr verstecken und verstellen will oder kann. Für
viele Transsexuelle ist das mit depressiven Krisen verbunden und die Selbstmordgefahr ist sehr hoch.
Wenn sie sich in dieser Situation dafür entscheidet, sich über alle Widerstände hinwegzusetzen und end-
lich ihr eigenes Leben zu leben, dann beginnt der offen gelebte Transsexualismus. Dieses Coming-Out ist
für die Betroffenen eine grosse Entlastung und Befreiung (sofern sie nicht durch ihre Mitmenschen wieder
in die alten Schranken zurück verwiesen werden). Trotzdem wünschen sich Transsexuelle natürlich nach
wie vor, dem selbst empfundenen Geschlecht wirklich angehören zu können und von den anderen
Mensch dementsprechend anerkannt zu werden. Aussenstehende sehen aber lediglich einen Mann, der
sich als Frau verkleidet, bzw. eine Frau, die sich als Mann verkleidet. Die transsexuelle Person trägt die
ganze Last des Widerspruchs und muss sich in der Öffentlichkeit für ihr Verhalten rechtfertigen können.
Mit chirurgischen Angleichungen der Geschlechtsmerkmale ist es heute möglich, diesen Widerspruch
(nahezu) zu verbergen. Diese «kosmetischen Anpassungen» ermöglichen der angeglichenen Transsexuel-
len tatsächlich ein Leben in ihrem selbst empfundenen Geschlecht zu führen, allerdings bleibt sie für den
Rest ihres Lebens auf künstliche Hormone angewiesen.
Woher kommt Transsexualität? oder warum wollen einige Menschen nicht in ihrem biolo-
gischen Geschlecht leben? Die Frage lässt sich mit gleichem Recht aber auch umkehren: Wie kommt
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Die Unterscheidung zwischen Homo- und Heterosexualität geht stillschweigend davon aus, dass das biologische Geschlecht des
(potentiellen) Partners lexikalischen Vorrang vor allen anderen Kriterien bei der Partnerwahl hat. Ich bezweifle, dass das tatsächlich
so sein muss. Vielmehr halte ich das lediglich für eine kulturelle Übereinkunft, die vielleicht auf die meisten Menschen zutrifft,
aber z.B. auf mich nicht.
Esther Brunner: Über Individualität bei Mill am Beispiel von Transsexualität
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